Gendermedizin

Wir fördern geschlechterspezifische Medizinforschung

Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur im Aussehen, sondern auch in ihren Organen und in jeder einzelnen Körperzelle – und ebenso in ihrem Verhalten. Folglich äußern sich Krankheiten bei Frauen oft ganz anders als bei Männern und auch der Krankheitsverlauf selbst kann variieren. Angefangen bei den Risikofaktoren und Symptomen über Krankheitshäufigkeit und -verlauf bis hin zur Medikamentenverträglichkeit: In vielen Bereichen der Medizin bestehen große Unterschiede zwischen den Geschlechtern!

Das Wissen über die geschlechterspezifischen Unterschiede in der Medizin nimmt stetig zu. Mit Hilfe der Forschungsergebnisse im Bereich Gendermedizin werden Therapien verbessert und neue Behandlungsmethoden entwickelt. Doch müssen die aktuellen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse auch in der Praxis zur Kenntnis genommen und umgesetzt werden. Denn Gendermedizin beruht auf Fakten und kann diese nutzen, um sowohl für Frauen als auch für Männer eine bestmögliche Medizin zu erzielen. Schließlich geht es dabei um Gesundheit und manchmal sogar um Leben und Tod.

Die Margarete-Ammon-Stiftung setzt sich seit Jahren für die geschlechterspezifische Medizinforschung und deren Umsetzung in die Praxis ein. Ziel ist, sich von alten Denkmustern zu befreien: Nur wenn wir von Anfang an die Unterschiede zwischen Frauen und Männern mitdenken, können Prävention, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Pflege speziell auf die Bedürfnisse von Frau und Mann abgestimmt werden.

Den Unterschied machen

Noch immer werden die geschlechterspezifischen Unterschiede in der Medizin zu oft ignoriert. Dabei sind Frauen meistens kleiner und leichter, haben einen anderen Stoffwechsel in der Leber, einen größeren Anteil an Fett und einen geringeren Anteil an Muskeln als Männer; auch arbeiten einige Organe bei Frauen anders als bei Männern. Da ist es nur logisch, dass in der Medizin geschlechterspezifische Aspekte bei Diagnosestellung und Therapiewahl eine Rolle spielen müssen.

Lange Zeit wurden Medikamente vor ihrer Zulassung hauptsächlich an jungen männlichen Mäusen entwickelt und überwiegend an Männern getestet. Welche Auswirkungen sie auf weibliche Lebewesen mit Zyklus haben, ist entsprechend wenig erforscht. Somit weiß man in Bezug auf Dosierung und Wirksamkeit wenig über die Unterschiede bei den Geschlechtern. 

Folglich müssen Frauen häufiger mit Nebenwirkungen rechnen als Männer. Die Wirksamkeit von Beruhigungsmitteln etwa ist zyklusabhängig und Schlafmittel sind bei Frauen hormonbedingt oft überdosiert. Dies kann gefährliche Folgen haben. Auch bei wichtigen Herz-Kreislaufmedikamenten könnte man bei Frauen durch eine niedrigere Dosierung die Nebenwirkungen reduzieren.

Frauen und Männer haben unterschiedlich hohe Risiken für Krankheiten: Frauen leben im Schnitt länger als Männer, leiden jedoch öfter z.B. unter Autoimmunerkrankungen, Schmerzkrankheiten, Osteoporose oder Depressionen. Die Symptome eines Herzinfarkts unterscheiden sich bei Männern und Frauen. Männer sind häufiger vom plötzlichen Herztod betroffen, Frauen haben jedoch generell ein höheres Risiko, an einer Erkrankung des Herzens zu sterben. Und auch bei Diabetes finden sich geschlechterspezifische Unterschiede. Beispiele dieser Art gibt es viele.

Indem wir die Unterschiede berücksichtigen, können wir Krankheiten verhindern und unsere Lebensqualität steigern. Geschlechtersensible Medizin vermindert Fehldiagnosen, falsche Dosierungen und Medikamentennebenwirkungen.

Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek erklärt im Interview die Gendermedizin und beantwortet Fragen rund um das Thema.

Was ist Gendermedizin?

Wieso ist Gendermedizin so wichtig?

Wieso finden die geschlechterspezifischen Unterschiede so wenig Beachtung?

Wie bringen wir die Gendermedizin voran?

Was muss sich in Medizin und Forschung ändern?

Informationsgewinnung

In der Medizinforschung muss die systematische geschlechterdifferenzierte Erhebung und Auswertung medizinischer Daten besser verankert werden.

Wissensvermittlung

Die Erkenntnisse der Gendermedizin müssen in die Aus- und Weiterbildung – sowohl in der Medizin als auch in der Pflege – integriert werden.

Bewusstseinsbildung und Vernetzung

Das Bewusstsein für die Relevanz der geschlechterspezifischen Medizin muss vor allem bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten gesteigert werden. Dazu bedarf es einer stärkeren Vernetzung und interdisziplinären Zusammenarbeit aller Fachbereiche.

Chancengleichheit

Führungspositionen in Medizin und Forschung müssen unabhängig vom Geschlecht gleichwohl an kompetente Expertinnen als auch Experten vergeben werden.

Machtverteilung

Vor allem in der Politik muss es zu einer gerechteren Machtverteilung kommen. Obwohl sich im alltäglichen Leben zu 80 Prozent Frauen mit dem Thema „Gesundheit und Krankheit“ beschäftigen, haben im Gesundheitswesen auf Führungsebene und in den Ministerien die Männer das Sagen.

www.medikamentinnen.de

www.femi-med.de